Das Schiff, der Berg, die Linien, die man bis ans Meer fährt
- Boris Malesset

- vor 1 Stunde
- 6 Min. Lesezeit
Skitouren · Spitzbergen, Svalbard · Bericht einer Expedition
Das Schlauchboot setzte uns kurz nach dem Mittag am Fuß der Wand ab, der Motor tuckerte leise über dem schwarzen, spiegelglatten Wasser. Niemand sprach. Wir schnallten dort die Ski an, auf einem harten Schneestreifen, der bis in den Fjord hinabreichte, keinen Meter vom Ufer entfernt. Hinter uns ankerte die Noorderlicht in der Bucht, ihre zwei kahlen Masten vor einem Himmel, der auf diesem Breitengrad wochenlang nicht mehr erlöschen würde. Vor uns stieg der Hang zu einem schmalen Grat an, sauber, ohne eine einzige Spur. Genau diesen Augenblick versuche ich zu schildern, wenn mich Leute fragen, was man auf Spitzbergen eigentlich fährt. Kein Panorama. Diesen Moment: die Felle, die greifen, das Meer im Rücken, die unberührte Linie darüber.

Eine Insel ohne Straßen, Berge, die bis ans Meer reichen
Vom Deck aus zählt man Gipfel und keine einzige Straße. Wir liegen nördlich des 78. Breitengrads, vor Spitzbergen, der Hauptinsel von Svalbard. Das Erste, was man begreift, noch bevor vom Schnee die Rede ist: Hier fährt man nicht mit dem Auto. Außerhalb der wenigen Ortschaften gibt es keine Straße, keinen Sessellift, keinen Parkplatz an der Talstation. Nichts. Um in die Berge zu gelangen, führt der Weg übers Meer — und diese ganz schlichte Tatsache verändert die ganze Art, wie man hier Ski fährt.
Eine Abfahrt endet nie an einem Parkplatz. Sie endet am Meer. Man steigt vom Ufer auf, fährt zum Ufer hinab, und das Schiff oder das Schlauchboot holt einen unten wieder ab, genau dort, wo der Schnee auf den Fjord trifft. Ich fahre seit über zwanzig Jahren an Orten Ski, die ich liebe, und ich kann an einer Hand abzählen, wo man das noch erlebt: eine ganze Abfahrt, vom Gipfel bis ans Meer, ohne je eine Straße zu queren.
Der Archipel ist weithin von Gletschern bedeckt — das Norwegische Polarinstitut führt dazu die maßgebliche Kartierung — und diese Gletscher steigt man hinauf, quert sie, fährt sie hinab. Sie werden zum Gelände.

Das Schiff wählt den Weg, nicht die Karte
Über die Route entscheidet jeden Morgen das Meer. Die Noorderlicht, unser Zweimastschoner von 1910, 1991 neu aufgetakelt, mit Stahlrumpf und verstärktem Bug, dient als bewegliches Basislager: Sie fährt dorthin, wo Eis, Wetter und Gelände es zulassen, vom Isfjorden bis in die Nähe von Ny-Ålesund. Wir haken keine Punkte auf einer drei Monate zuvor geplanten Karte ab. Wir schauen, was der Archipel an diesem Tag hergibt, lesen das Packeis, wählen eine Bucht und werfen den Anker am Fuß jener Wand, die den besten Schnee hat.
Das kann kein Skigebiet bieten. Das Programm folgt dem guten Schnee, nicht umgekehrt. Wie eine ganze Woche an Bord aussieht, mit dem Rhythmus der Tage und dem Leben an Deck, habe ich anderswo erzählt; hier bleibe ich dicht am Hang.
Aufstieg mit Fellen, zwischen 800 und knapp 1.000 Metern
Das ist der Kern des Tages. Felle aufgezogen, am Fjordufer angeschnallt, und los geht der Aufstieg. Je nach Wand überwindet man 800 bis knapp 1.000 Höhenmeter, auf Touren von vier bis sechs Stunden, die Felle unter den Ski. Der Aufstieg mit Fellen, das ist Stille — das gleichmäßige Knirschen der Felle auf dem Schnee, der Atem, sonst nichts. Kein Motor, kein Gedränge, oft nicht eine einzige andere Seilschaft am Horizont.
Das Gelände wechselt von Tag zu Tag. An einem Morgen ein schmaler Grat, der sich zu einem Gipfel windet, mit dem Fjord auf beiden Seiten. Am nächsten eine große, offene Wand, breit, in die man mächtige Bögen ziehen kann. Dann ein zerfurchter Gletscher, den man quert, um eine verborgene Mulde zu erreichen. Die Formel, die wir untereinander gebrauchen, bringt es auf den Punkt: alle Schneearten, jedes Gelände. Man richtet sich nach dem, was kommt.
Das ist kein Skifahren, das man auf die leichte Schulter nimmt. Es ist anspruchsvolles arktisches Tiefschneefahren, von Anfang bis Ende geführt — der Arktis steht hier niemand allein gegenüber. Wer genau wissen will, was er in den Beinen haben muss, dem habe ich einen ehrlichen Text über das nötige Können für so eine Expedition geschrieben.

Die Sonne geht nicht unter, und die Exposition übernimmt
Ende Mai, unter der Mitternachtssonne, gibt es keine Nacht mehr — was eine Geländefrage aufwirft, die man anderswo selten kennt. Die Uhrzeit sagt einem hier wenig über den Schnee. Was zählt, ist die Exposition des Hangs und wie lange die Sonne schon daran gearbeitet hat. Ein Nordhang behält seinen kalten, trockenen Schnee lange; ein Südhang sulzt früher auf und wird schwer. Also fahren wir den Hang in dem Fenster, in dem er am besten läuft.
Genau hier zählt die Geländeerfahrung. Man liest den Schnee, man liest den Himmel, man beobachtet die Stabilität der Schneedecke. Für Norwegen — Svalbard eingeschlossen — gehören die Lageberichte von Varsom, dem norwegischen Lawinenwarndienst, zur täglichen Lektüre, zusätzlich zu unseren eigenen Beobachtungen vor Ort. Sicherheit ist hier nie ein Slogan: Sie ist eine Art, den Hang, die Exposition und den Zeitpunkt zu wählen. (Den Eisbären — die Frage ist berechtigt — habe ich einen eigenen Beitrag gewidmet.)
Und die Abfahrt läuft bis in den Fjord
Das ist der Moment, für den alle kommen. Am Gipfel zieht man die Felle ab, verstaut sie, wirft einen letzten Blick auf die Linie. Dann lässt man laufen.
Der Hang rollt unter den Ski ab, niemand vor einem, die Spur gehört einem allein, und weiter unten der Fjord, der mit jedem Bogen wächst. Man hält nicht auf halber Höhe, um zu einer Straße zu gelangen: Die Abfahrt geht bis ans Meer. Man endet dort, wo man am Morgen angeschnallt hat, auf diesem Schneestreifen am Fjordufer, das Schlauchboot kommt vom Schiff herüber, um einen abzuholen. Eine ganze Abfahrt zu machen, vom Gipfel bis ans Meer, auf einem Schnee, den niemand berührt hat, mit dem schwarzen Meer vor den Skispitzen — genau dafür reist man zwölf Stunden bis zum 78. Breitengrad.
Unser Zweimastschoner nimmt höchstens zwölf Skifahrer auf, begleitet von vier Bergprofis. Kein Gedränge. Eine kleine Seilschaft, die sich die Wände aufteilt, mit Platz für alle. Termine und den vollständigen Ablauf sehen Sie auf der Seite der Ski-&-Segel-Expedition auf Spitzbergen.

Am Abend die große Stille
Wenn das Schlauchboot einen zurück an Bord bringt, hat der Koch schon etwas auf dem Herd. Man trocknet die Ausrüstung, geht die Linien des Tages noch einmal durch, und manche lassen sich auf das Ritual ein und springen ins eiskalte Polarmeer — dreißig Sekunden, die den Kopf freimachen. Ringsum die polare Stille, dicht, von nichts durchbrochen. Vom Deck aus sieht man im Lauf der Tage das Walross auf dem Packeis liegen, den Eisbären in der Ferne, manchmal den Blas eines Wals in der Bucht. Man betrachtet sie aus der Distanz, mit dem Respekt, den sie einfordern.

Kurz gefasst
Wo · Insel Spitzbergen, Archipel Svalbard, nördlich des 78. Breitengrads
Wann · Ende Mai, unter der Mitternachtssonne
Zugang zu den Hängen · Übers Meer — Anlanden am Fuß der Wände, Anschnallen am Fjordufer
Der Tag · Fellaufstieg von 4 bis 6 h, 800 bis knapp 1.000 Höhenmeter
Das Gelände · Schmale Grate, große offene Wände, Gletscher — alle Schneearten, jedes Gelände
Die Abfahrt · Oft durchgehend, vom Gipfel bis in den Fjord
Die Gruppe · Höchstens 12 Skifahrer, 4 Bergprofis, schwimmendes Basislager an Bord eines Zweimastschoners von 1910
Fragen, die man mir stellt
Und was macht man dort oben den ganzen Tag?
Arktische Skitouren: Man steigt mit Fellen Wände hinauf, die vom schmalen Grat bis zum großen offenen Hang reichen, mit Gletschern zum Queren, und fährt oft bis ans Meer hinab. 800 bis knapp 1.000 Höhenmeter pro Tour.
Bis ans Meer hinunter, im Ernst?
Ja. Da es weder Straße noch Lift gibt, endet die Abfahrt nicht an einem Parkplatz: Sie läuft bis in den Fjord, und das Schlauchboot holt Sie am Fjordufer ab, dort, wo der Schnee aufhört.
Ich fahre gern Tiefschnee — reicht mir das?
Ein gutes Tiefschnee-Niveau: sicher auf allen Schneearten in wechselndem Gelände, mit der Kondition für vier bis sechs Stunden Aufstieg. Es ist anspruchsvoll, aber von Anfang bis Ende geführt. Die Einzelheiten stehen in unserem Beitrag zum nötigen Können.
Und wenn ich nicht segeln kann?
Kein Problem. Das Segeln und alle Manöver sind Sache der Crew. Sie sind zum Skifahren da; das Schiff wählt den Weg.
Ich packe gerade — was kommt in den Rucksack?
Eine klassische Tourenausrüstung (Ski, Felle, Harscheisen) und das Sicherheitsquartett: LVS, Schaufel, Sonde, Airbag. Die Liste stimmen wir mit jedem Teilnehmer vor der Abreise ab.
Boris Malesset, Gründer von PowderWeGo, seit 2001 professionell im Tiefschnee unterwegs, hat diese Expedition auf Spitzbergen geleitet. Für Ihre maßgeschneiderte Woche schreiben Sie uns — wir gehen von Ihren Wünschen und Ihrem Können aus.
Lust, vom Gipfel bis in den Fjord zu fahren? Entdecken Sie die Ski-&-Segel-Expedition auf Spitzbergen oder erzählen Sie uns von Ihrem Vorhaben.
Auch lesenswert
Spitzbergen auf Ski, wenn die Sonne nicht mehr untergeht — der Gesamtüberblick zur Expedition
Das Schiff folgt dem Schnee: eine Woche Ski & Segel — der Rhythmus der Tage
Unverspurter Schnee: die ehrlichen Wege hinauf — alle Zugänge zum Tiefschnee



Kommentare